Datum: 03.12.2009 23:06:07 Kategorie: Nationale Politik Kommentar: 8
Noch am Montagmittag gab es Ausländer und Juden, die glaubten, der neue Wind vom Sonntag betreffe nur Muslime. Es gab sogar welche die glaubten es ginge nur um Türme und Architektur. Selbst als Ulrich Schlüer die Abschussliste auf Burkas und Kopftücher erweiterte glaubten man es gehe nur gegen die Muslime. Das böse Erwachen folgte dann als Christophe Darbellay (nicht Blocher) die Verbotsliste ausweitete und auch noch jüdische Friedhöfe, religiöse Schuldispense und fremdsprachige Gottesdienste verbieten wollte.
Ein Verdienste der CVP in der Integrationspolitik war es, dass sie die spanischen und italienischen Minderheiten bei ihrem Bestreben nach einer Eingliederung in der hiesigen katholischen Kirche unterstütze. Es waren der CVP nahe stehende Personen, die zum Aufbau der "Misión Católica Española" und der "Missione Cattolica Italiana" in der Schweiz beitrugen. Der neue Angriff auf die Religionsfreiheit, welcher laut Darbellay verbieten soll, den Gottesdienst in einer Fremdsprache zu halten macht alles kaputt, was die CVP in Sachen Integration je geleistet hat. Überdies verkennt Herr Darbellay, dass unsere katholische Kirche bis zum zweiten vatikanischen Konzil (1965!!!) die Liturgie auf Lateinisch hielt, was einige Pfarrer bis heute teilweise beibehalten haben, auch wenn meist nur in den Gesängen. Ich freue mich heute schon darauf, wenn wir aus der Synagoge das Shma Israel auf Walliserdeutsch hören und die englischsprachigen Freikirchen deutsche Gospel singen.
Besonders klug ist es Kopftücher für muslimische Frauen zu verbieten. Mir als katholischen Mann wird man ja das tragen eines Kopftuches nicht verbieten können, sollte es also für muslimische Frauen verboten werden, kaufe ich mir umgehend ein paar hübsche Kopftücher um diese selbst vor Gericht tragen. Ich glaube hellblau würde mir gut stehen.
Als ich (vor vielen, vielen Jahren) ans Realgymnasium in Basel ging, hatten wir jüdische Mitschüler. Einige von ihnen kamen am Sabbat nicht zum Unterricht, was keinen von uns störte. Sie lernten den Stoff vor oder nach, Kollegen gaben ihnen die Hausaufgaben und ich liess mir vieles über das Judentum erklären. Das soll nun nicht mehr möglich sein! Auch griechischorthodoxen Schüler dürfen gemäss Darbellay an ihren Ostern (die nach dem eigentlich richtigen Julianischen Kalender berechnet werden) nicht frei nehmen. Dies wird das Ende der Integration sein, denn die Juden werden ihre Kinder ausschliesslich in die jüdischen Schulen schicken, die Muslime in die muslimischen und die griechischorthodoxen werden alle Jahre wieder eine Erkältung vortäuschen müssen.
Die Liste der Schwachsinnigkeiten, die sich aus den Schnellschüssen der letzten Tage ergeben kann beliebig weitergeführt werden. Beispielsweise kennen Juden und Muslime die "Ewige Grabesruhe" und können nicht wie wir Christen nach 25 Jahren "zusammenlegen". Das führt zwangsläufig dazu, dass es irgendwann neue Friedhöfe brauchen wird. Die einzige Lösung wird dann sein (wenn man Darbellay ernst nimmt) dass die Juden und Muslime einfach nicht mehr sterben dürfen.
Kommentar:
Regina Rahmen : 03.12.2009 17:37:15
Bin wohl - als naive Nichtreligiöse - falsch informiert...dachte nämlich tatsächlich, die Inquisition sei vor ein paar Jahrhunderten abgeschafft worden und der Hexenhammer sei nicht mehr allgemeingültige Handlungsanleitung zur Reinhaltung des...was eigentlich????
Linder : 03.12.2009 17:37:35
Ist alles etwas aufgeregt, das mag schon stimmen. Und dass jetzt so etwas wie gute politische Marktverhältnisse da sind, um das Territorium mit Ideen auszuweiten, scheint auch klar. Aber Deine eigene Partei kommt jetzt doch etwas allzu gut weg. Wie wärs mit einem Eingeständnis, dass a) die Integrationspolitik in vielen Bereichen auf Sand aufgelaufen ist und b) man als SP auch nicht grad für eine erfolgreiche, durchdachte und nachhaltige Einwanderungspolitik steht? Ich habe noch keinen SP-Politiker gehört, die mutig hinsteht und sagt: 'Ja, wir haben den Kontakt zur Basis in dieser Frage verloren, und unsere ideologisch fixierte Sichtweise kollidiert in der Tat mit dem Gefühl und Erfahrungswert so mancher Zeitgenossen dieses Landes.' Aber in diesen Tagen passiert ja so einiges an Überraschungen; Also seien wir doch für einmal positiv.
Andreas Kyriacou : 03.12.2009 17:40:10
Nun, das 'C' im Parteinamen steht ja seit geraumer Zeit für den Hauptsponsoren, die Chemieindustrie. Die damit verbundenen wirtschaftspolitischen Verpflichtungen (siehe Parallelimporte) lassen sich allerdings als Parteiprogramm schlecht vermarkten. Volksnähe will also weiterhin anderweitig bewiesen werden. Verbote zu postulieren funktioniert fast immer, man muss sich nur eine passende Randgruppe aussuchen.
(As a side note: Der Anspruch der 'ewigen Grabesruhe' kann natürlich nicht wirklich aufrecht erhalten werden. Dafür fehlt schlicht der Platz. Aber das Problem dürfen die betroffenen Gemeinschaften selbstredend gerne auf eigenen Parzellen lösen.)
S.k. : 03.12.2009 17:46:53
Lieber Herr Ordas
Endlich sind Sie wieder unter den Schreibenden. Es darf nicht wahr sein, dass Sie selbst die schwärzeste Stunde der Schweizer Demokratie mit Humor komentieren können. Sie treffen den Nagel auf den Kopf und ich hoffe, dass Herr Darbellay Ihre Text liest. Er ist eigentlich kein schlechter, ich denke die Mischung aus Schock und Aktionismus hat ihm wohl den Mund überlaufen lassen.
Tim Cuénod : 03.12.2009 17:57:25
Nun ja, jetzt schlägt die Stunde der Opportunisten und Darbellay ist der als CVP-Präsident die oberste Windfahne in diesem Land (wobei ja nicht alle CVPler so reagiert haben). Wenn man dem Typen sagt, er habe keine Haltung, dann meint er, er müsse zum Orthopäden.
Wie schwachsinnig seine neusten Vorschläge sind hast du mit deiner
scharfsinnigen Analyse sehr gut aufgezeigt, danke!
Leyla Kükner : 03.12.2009 18:33:19
An erster Stelle muss ich etwas los werden und recht geben!
"Kopftücher sollten verboten werden", dass ein Schweizer oder Deutscher so denkt, gebe ich nicht ganz Unrecht, vor allem, wenn es an Schulen verboten wird. Ein Beispiel an alle: Viele schauen mich erstaunt an, wenn ich erzähle, dass in der Türkei (ein muslimisches Land!) das Kopftuch tragen als Beamte, als Schülerin, als Lehrerin und auch als Anwältin verboten ist. Warum sollte es also nicht in Europa eingeführt werden?
Wo ich mehr als geschockt bin, dass durch einen einfachen Bau einer Minarette, das Thema zum Kopftuch und Muslime gelenkt wird. Viele Aussagen finde ich rassistisch. Das ist fast so, als behauptet man, ich hasse Farbige und Rassisten???
Und dass nenne ich RELIGIONSFREIHEIT!!!
Danke noch an meinen Chefe, Wahrheiten humorvoll wiedergegeben :-D
Peter Lyssy : 04.12.2009 06:37:08
Lieber Daniel
danke für deinen prägnanten und humorvollen Kommentar. Deine letzte Schlussfolgerung gefällt mir natürlich gut und könnte beim Entscheid auswandern oder bleiben von Bedeutung werden :)
Serdal Suna : 04.12.2009 11:50:59
Hallo Daniel Kompliment für deinen Blog. Schon am Sonntag war klar, dass dieses Abstimmungsergebnis nicht nur gegen Muslime sonder auch gegen alle anderen gerichtet war, nämlich nichtchristliche-Schweizer ohne Migrationshintergrund, was einige bis anhin nicht bemerkt hatten. Zum Glück hat Herr Darbellay die Juden schon mal darauf aufmerksam gemacht, dass sie als nächstes als schwarze Schafe (sorry für diesen blöden Ausdruck aber irgendwie drängt sich dieser in diesem Zusammenhang auf) dastehen könnten. Nun gibt es aber auch solche unter den JA-Sagern der Minarett-Initiative, die einen Migrationshintergrund haben oder immer noch Ausländer sind, sich unverblümt als Wahlsieger feiern (lassen), nur weil es die Muslme getroffen hat. Nur vergessen sie, dass es bei der nächsten Abstimmung um eine andere Ethnie gehen könnte. Eigenltich hatte ich gehofft, dass sich die Menschen mit Migrationshintergrund bei Abstimmungen, die gegen eine andere Ethnie gerichtet sind, zusammenstehen und sich gegenseitig unterstützen. Hier besteh die Gefahr, dass es die SVP nun geschafft hat, dass, sich nun Minderheiten auch noch gegenseitig bekämpfen, anstatt miteinander gegen die Rassendiskriminierung zu wehren. Überall beneiden uns die Menschen, um den Wohlstand der Schweiz, was notabene auch ein Verdienst der am Sonntag denunzierten Moslems ist. Wir leben hier friedlich zusammen. Gerade, dass wir hier in der Schweiz mit so vielen, unterschiedlichen Kulturen zusammen leben, ist ein grosser Gewinn für uns alle. Gehen wir auf Reisen, kennen wir schon einige andere Kulturen, mit denen wir Tür an Tür zusammen leben. Ich auf jeden Fall möchte es nicht missen, dass ich mit Menschen aus verschiedensten Kulturen aufgewachsen zu sein und ihre Vorzüge und Eigenheiten kennen gelernt zu haben. Genau hier liegt aber auch ein Problem des letzen Abstimmungssonntags: Wer hat denn JA gestimmt? Mehrheitlich die Menschen, die selten bis gar nie mit Ausländern in Kontakt getreten sind. Ich bin hier in der Schweiz als Sohn einer türkischen Einwandererfamilie zur Welt gekommen und lebe seit 34 Jahren in Basel und habe einen Schweizer Pass. Dies ist auch meine Schweiz, ich bin hier zuhause, hier kenne ich mich am besten aus, sei dies die Geografie, Geschichte, die Gesetzgebung oder die politischen Verhältnisse - besser als meine Schweizer Freunde und Freundinnen ohne Migrationshintergrund. Seit dem letzten Sonntag fühle ich mich so fremd wie noch nie in dem Land, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe.