Datum: 06.11.2008 10:40:56 Kategorie: Internationale Politik Kommentar: 1
Der Tod seiner Grossmutter Madelyn Dunham muss Obama am Tag vor seiner Wahl sehr getroffen haben, obwohl er wohl kaum Gelegenheit hatte den Verlust zu verarbeiten. Ebenso bedauernswert ist Herr Obama aber für das was ihm in der Nacht auf den 5. November 2008 passiert ist.
Um fünf Uhr Schweizerzeit fielen mit den 55 kalifornischen Elektoren die Würfel um die US-Präsidentschaft definitiv. Obama freute sich, Amerika freute sich und die Welt jubelte. Nach acht Jahren George W. Bush wäre wohl selbst die Wahl von Jim Knopf als Erleichterung und Zeitenwende empfunden worden. Die Obamania ist aber nicht nur mit dem tief empfundenen Wunsch nach einer Verdrängung der Bush-Zeit zu begründen. Tatsächlich hat Obama Charisma, eine exzellente Rhetorik, eine hübsche Frau und das Glitzern der Hoffnung in den Augen.
Hopeama ist die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der Vereinigten Staaten, auf den Wiederaufstieg zur Supermacht und auf die Rückkehr in den Reigen der zivilisierten und geachteten Staaten. All dies könnte und würde Obama bewältigen. Obama könnte die USA wieder beliebt machen und dem Mythos des "land of the free and the home of the brave" neuen Odem einhauchen.
Die Ausgangslage für die Rückeroberung der Sympathie ist gut, der Neue ist jung, schwarz, liberal und Kosmopolit, das kommt in der Welt gut an, darauf lässt sich aufbauen. Überdies ist bei vielen Menschen ausserhalb der USA ihre Abneigung gegen das Land nicht wie vor 40 Jahren durch einen kategorischen Antiamerikanismus begründet, sondern wird direkt mit der Person von George W. Bush begründet.
Weit weniger einfach wird Obama es auf dem Feld der nackten Tatsachen haben. Er erbt ein bankrottes Land mit über 10'000'000'000'000 US$ Schulden (vor allen Krisenrettungspacketen!). Sein Vorgänger hat es tatsächlich geschafft, trotz Abbaus des spärlichen Sozialstaats, die Schulden des Landes zu Verdoppeln und nichts dafür zu generieren. Auf dieser Basis könnte Obama, selbst ohne Wirtschaftskrise, in der ersten Legislatur kaum je einen grünen Zweig erreichen.
Als weitere Belastung enthält das Erbe Bush zwei endlose Kriege, welche nicht gewonnen werden können und nicht verloren werden dürfen. Im Irak könnte der Abzug in ein bis zwei Jahren machbar sein, Obama wird es wohl gelingen, die Gunst der Stunde zu nutzen und die bewaffnete Präsenz so weit zu reduzieren, dass er sich in einem günstigen Moment ganz davonschleichen kann. Die Amerikaner werden das wackelige Gebilde Irak mit teilweise erhobenem Haupt verlassen und den darauf folgenden Zusammenbruch mit Milliardenspritzen soweit hinauszögern, dass der direkte Zusammenhang zwischen dem Krieg und dem dannzumal beginnenden Bürgerkrieg negiert werden kann.
Weniger einfach wird der Rückzug aus Afghanistan. Obschon hier, aus welchen Gründen auch immer, die internationale Akzeptanz des Feldzugs etwas höher ist, besteht die Gefahr, dass der letzte Amerikaner Kabul rückwärtsschiessend am Helikopterhacken verlässt. Während im Irak die Anschläge gegen die Besatzer und ihre Vorort-Regierung noch aus dem Untergrund und unter Selbstopfer erfolgen, findet im Afghanistan ein offener mit Freund- und Feindland statt. Die Taliban werden, anders als die zerstrittenen irakischen Aufständischen, keine Vakuumpause zubilligen, in welcher sich die Amerikaner aus dem Staub machen können, die Taliban werden jeden preisgegebenen Meter umgehend besetzen und mit ihrem Terror säen. Anders als im Irak wird es der Welt aber egal sein, was aus Afghanistan wird. Die Afghanen haben das Pech, dass sie nie dazugehört haben, Afghanistan ist ein Dauerkrieg seit dreissig Jahren, der es mit wechselnden Akteuren ab und zu in die Medien schaffte. Sobald am Hindukusch keine Söhne des Wohlstands mehr sterben, wird das Land wieder in der Versenkung der Schublade "Offene Konflikte" verschwinden.
Noch schwieriger wird es für Obama sein, die Wirtschaftskrise zu meistern. Einerseits verfügt er über keinerlei finanzielle Mittel um einen wie auch immer gearteten New Deal in die Wege zu leiten, anderseits will das Volk eine schmerzlose Lösung. Eine Nation von überschuldeten Einzelnpersonen davon zu überzeugen, dass sie umdenken müssen, ist im Falle der USA wie eine Gesundheitsstandpauke mit einer Zigarette zwischen den Lippen. Die Leute in den USA und in Europa wollen keine Radikalkur, sie wollen, dass alles so wird wie vor dem Sommer 08, damit sie weiter machen können wie bisher, das kann und wird Obama nicht schaffen.
Das Motto "Change" wird vielen Jublern im Halse stecken bleiben. Wenn Obama Erfolg haben will –und er ist dazu verdammt- dann wird es den Amerikanern mehr "Change" zumuten müssen, als ihnen lieb sein wird. Ich wünsche ihm viel Glück, denn wir werden es alle brauchen.
Kommentar:
Jan : 18.12.2008 17:11:15
Hallo Daniel, ist Dein Blog eingeschlafen? Gerade jetzt, wo sich auf onlinereports eine kleine Kontroverse um regionale Blogs entfaltet...